Sonntag Abend, 14 Tage vor meinem Abflug. Komisch, dass ich immer an Sonntagen mit dem Schreiben beginne, aber ich denke es liegt daran, dass an diesen Tagen einfach nichts los ist. Man kann nicht shoppen gehen, weil jegliches Geschäft geschlossen hat, man kann sich nicht die Zeit mit fernsehen vertreiben, da sowieso nur irgendein Schwachsinn läuft, den man sich dann doch nicht geben möchte, um nicht ganz von den Programmen verblödet zu werden. Auch wenn ich es einmal wollte ginge es nicht, da mein Mitbewohner die Couch im Wohnzimmer anscheinend für sich allein gemietet hat. Und das von mittags zwei bis in die Puppen. Ich meine echt schon feststellen zu können, dass seine Augen eine leicht eckige Form annehmen. Aber was soll´s, es sind nicht meine Augen und es ist nicht mein Hirn. Naja, aber es ist mein Wohnzimmer mit meinem Sofa und meinem Fernsehgerät. Das wollte ich nur mal loswerden, denn es ist ja nicht nur an Sonntagen so, sondern das geht so von Montag bis Sonntag und dann wieder von vorn. Und eigentlich ist er ja hier um seine Diplomarbeit zu schreiben und nicht um irgendwelche wissenschaftlichen Fernsehstudien durchzuführen. Ich frag mich echt wann der mal was schafft. Aber wie gesagt, noch 14 Tage! Dann bin ich ihn los. Mein Praktikum ist dann zu Ende, mein Mitbewohner kann hier ganz entspannt vor sich hin vegetieren, solange er pünktlich wieder auszieht und das ganz Weite sucht, wie ich hoffe. Ja ich denke ich habe eine leichte Abneigung gegen den Menschen der hier unter meinem Dach haust. Aber gut, ich gehe also. Es trennen mich noch genau zwei Wochen und ein paar tausend Kilometer von meinem Schatz. Aber was da alles noch erledigt werden sollte und geschehen wird… ich glaube die Zeit wird knapp. Ich muss meinen 25-seitigen Bericht über mein nun halbjährig absolviertes Praktikum abgeben und ich weiß nicht wo ich da anfangen soll. Gerne würde ich über meine Erfahrungen berichten und was ich während dieser Zeit so alles erlebt habe, denn es war echt spannend. Aber die wichtigen Menschen der Fachhochschule, ich nenne an dieser Stelle keine Namen, können einem auch einen Strich durch die Rechnung machen und einen mit komischen Dingen konfrontieren, die unbedingt in dieses Skript sollen. Also habe ich mir vorgenommen morgen ganz intensiv damit anzufangen und mich mal wirklich darauf zu konzentrieren, was sich in meiner derzeitigen Verfassung als etwas schwierig erweist, da ich mit meinen Gedanken überall bin, nur nicht bei meinem Bericht.
Am Donnerstag muss ich das letzte mal zum Impfen, da man ja nie weiß was in fernen Landen alles an Infektionen herum kreuchen und fleuchen. Langsam habe ich mich an das Impfverfahren meines neuen Hausarztes gewöhnt. Ich bekomme auf acht einen Termin, darf mich dann bis kurz vor neun ins Wartezimmer begeben, in dem alle Patienten schön nacheinander aufgerufen werden, bis auf mich, die Kassenpatientin, die sich selbst informiert und den Arzt dann darauf hingewiesen hat, dass es auch günstiger geht. Ich werde dann also irgendwann, wenn es gerade mal passt, ich meine sie müssen mich ja mal dran nehmen, ins Impfzimmer gerufen und in zehn Sekunden ist dann der Spuk vorbei. Ich gehe mit einem kleinen Pflaster aus der Praxis und freue mich schon auf den nächsten Besuch.
Was ich auch auf jeden Fall machen muss, ist meine Katze und mein Hamster zu meinen Eltern zu bringen, damit sie in guten Händen sind, während ich mich auf großer Reise befinde. Da bin ich wirklich mal gespannt, ob das gut geht. Denn meine Eltern haben seit wenigen Wochen selbst einen kleinen, schwarzen Kater und ob die zwei Samtpfoten sich dann auch verstehen ist die große Frage, die auch niemand beantworten kann, bevor wir es nicht ausprobiert haben. Zwar habe ich meinem Kätzchen, das Wort Kätzchen ist vielleicht nicht der richtige Ausdruck für dieses schwarze riesen Stück Fell das sich in meiner Wohnung bewegt, aber gut, ich erzähle ihr schon seit Wochen, dass sie bald Urlaub auf dem Land machen darf und dass sie dort auf Paulchen stoßen wird. Aber dass ich die fünf Wochen nicht da sein werde weiß sie noch nicht, denn ich glaube sie hört mir mit Absicht nicht zu. Aber da muss sie durch. Bei meinem Hamster mache ich mir keine Sorgen, denn die ist sehr unkompliziert und pflegeleicht. Und solange sie nicht in Reichweite der Tiger steht, wird es ihr sehr gut gehen. Ach ich hoffe einfach, dass sie sich alle lieb haben und sich schön anständig benehmen, während meiner Abwesenheit. Und wenn nicht, bin ich zum Glück schon längst über alle Berge.
Ich meine wenn ich den Flug überlebe. So etwas darf nicht unterschätzt werden. Ein unerfahrenes Mädchen vom Land will ganz allein vom größten Flughafen der Republik aus ans andere Ende der Welt reisen. Bei diesem Gedanken bekomme ich leicht schwitzige Hände. Aber die Tickets sind gebucht, die Tiere so gut wie versorgt, die Arme verstochen und die Packliste geschrieben, jetzt gibt es kein zurück. Ich sehe mich schon in diesem riesigen Gebäude stehen, überall Menschen die irgendwo hin müssen und Schalter und Terminals (kenne ich vom gleichnamigen Film) und Gates und überteuerte Geschäfte und mittendrin ich. Suchend nach dem richtigen Schalter, um vielleicht meine zehn Tonnen Gepäck abzugeben und wartend auf irgendwelche Durchsagen, die man nicht verstehen kann, mir aber sagen sollen wo und wann ich in welches Flugzeug einzusteigen habe. Wenn das alles erstmal geschafft ist und ich im Flieger sitze kann ich mich bestimmt entspannen und mir tolle Filme ansehen. Ich hab mich nämlich informiert, ich werde einen eigenen Bildschirm besitzen. Ganz für mich und ohne dass ich ihn mit irgendwelchen Mitfliegern teilen muss. Apropos Mitflieger. Ich hoffe ich sitze nicht neben einem ekligen, alten, stinkenden, schnarchenden Mann, der sabbert wenn er schläft. Am liebsten wäre mir ja eine Person meines Alters oder höchstens zehn Jahre älter, das Geschlecht ist mir in diesem Fall egal, aber toll wäre es, wenn diese Person auch auf dem Weg nach Singapur und Malaysia wäre, diese Länder schon einmal besucht hat und mir noch ein paar Geheimtipps zustecken und mir von Land und Leute berichten könnte. Und noch ein Vorteil wäre dann, dass ich wüsste an wen ich mich während unserer Zwischenlandung hängen muss, damit ich nach dem dreistündigen Aufenthalt irgendwo bei Dubai, den richtigen Flug zum letztendlichen Ziel finde.
Und dann werde ich hoffentlich ohne Thrombose aussteigen, vielleicht meinen Koffer finden, wenn er mit mir mitgereist ist und mit weit ausgestreckten Armen meinem Liebsten um den Hals fallen und Rotz und Wasser heulen. Auf diesen Moment freue ich mich gerade am meisten. Einfach ankommen. Den Rest haben wir mehr oder weniger sorgfältig geplant. Besser gesagt er hat sich die Reiseroute überlegt und ich hab mich informiert, was wir da eigentlich genau machen werden. Es hört sich echt gut an und ich freue mich auf Land und Leute, aber was mir noch ein wenig Kopfschmerzen bereitet ist das Essen, die Übernachtungsmöglichkeiten und die Hitze. Täglich fast 40 Grad bei einer Luftfeuchtigkeit von fast 100 Prozent. Ich werde wahrscheinlich sehr konzentriert atmen müssen, um genügend Sauerstoff zu bekommen und werde sehr viel trinken müssen, damit ich nicht ganz faltig vertrockne, wenn ich doch ständig literweise Wasser durch sämtliche Poren meines Körpers verlieren werde. Das heißt Deo und Parfum sind Pflicht, wenn ich nicht als Stinktier enden möchte.
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