Montag, 29. Oktober 2007

Die erste Zeit allein in Deutschland...



Sonntag Nachmittag, 37 Tage nach Abflug. Tausend Gedanken kreisen in meinem Kopf umher und versuchen sich zu ordnen, wenn das geht. 37 Nächte alleine einschlafen. Schon sechs Wochen sind ohne meine bessere Hälfte vergangen, denn die arbeitet für ein halbes Jahr in Singapur, also am aderen Ende der Welt. Und als erstes Resümee wäre zu sagen, dass alles seinen Weg nimmt und auch machbar ist, was ich mir die Wochen vor der Abreise nicht vorstellen konnte. Aber zu Zweit ist doch alles schöner. Man kann sich unterhalten, zusammen kochen, streiten, einschlafen, aneinanderkuscheln, sich ansehen, riechen, fühlen, ins Kino gehen, frühstücken, ausheulen, quatsch machen, sich die Meinung sagen, schwimmen, einkaufen, ein Bierchen trinken und sich einfach lieb haben. Aber leider vergisst man diese Dinge so schnell, wie schön sie doch zu zweit sein können. Es geht ins Alltägliche über und man macht sich keine Gedanken darüber. Sobald der Mensch jedoch nicht mehr täglich in der Nähe ist, merkt man schnell, wie einem doch alles fehlt. Und man weiß nicht ob man heulen soll, weil man doch so vieles falsch gemacht hat, oder sich freuen, dass man jetzt alles anders machen kann, wenn man wieder vereint ist? Ich habe in den letzten Wochen so vieles dazugelernt, meinen eigenen Schatten überwunden und bin über mich hinausgewachsen, ich meine das ist bei einer Größe von 1,64 auch nicht wirklich schwierig, aber ich meine dies natürlich bildlich gesprochen.

Ich könnte eigentlich die Frau des Angsthasen sein, so viele Ängste habe ich und ich weiß nicht woher. Kommt das einfach so, oder bin ich etwa traumatisiert und ich weiß nichts davon? Ich werde eher gefragt vor was ich denn nicht Angst hätte, als andersherum. Also habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, mich etwas mit meinen Schwierigkeiten zu beschäftigen. Die Höhe ist zum Beispiel eines meiner Problemzonen, apropos Problemzonen, dazu muss ich wohl oder übel später noch darauf zurückkommen. Aber nun, ich habe Höhenangst und ich denke ich bin damit nicht alleine. Wie kann man denn der Höhenangst den Kampf ansagen? Tja am besten doch, wenn man beruflich dazu genötigt wird einen Klettergarten mit Schülern zu besuchen und man den Parcours am Abend davor noch mal begehen darf. Da stand ich also, vor einem riesigen Gurten-Wirrwarr mit Seilen und Haken, so was nennt sich Karabiner, ich lerne schnell, und vor der Nase Seile in unnahbarer Höhe, ebenso wie Wackelbalken und sonstigen unsinnigen Ich-stürtz-mich-doch-lieber-gleich-in-den-Tod-Klettermöglichkeiten. Nun gut, nachdem ich fest in den Gurt geschnallt war, mir die Brust zusammengepresst wurde und es an den Schenkeln zu drücken begann, setzte ich noch den Helm auf und fertig war die Meisterin des Kletterns. Zumindest sah ich jetzt schon mal sehr professionell aus. Und zu meinem Glück waren an diesem Abend auch nur fertig ausgebildete Kletterer unterwegs und keine Gleichgesinnten meiner Gattung Mensch. Und bei den anderen sah das aber auch gut aus. Hilft alles nichts, da muss ich jetzt wohl durch. Meine erste Aufgabe war es auf einem dünnen Holzbalken, der an einem Ende mindestens 5 Meter in der Luft baumelte, zu gehen. Tief durchatmen, nicht nach unten sehen und los. In kleinen Tippelschritten schleppte ich mich schleichend voran und hielt mich mit beiden Händen an den Sicherungsseilen fest, dass ich das Gefühl hatte meine Finger würde kein Blut mehr erreichen. Aber ich erreichte das Ende des Balkens mit Müh und Not. Doch ich musste mich jetzt über diesem Abgrund auch noch umdrehen und wieder zurückgehen. Aber wer´s glaubt oder nicht: ich habe es geschafft. Mit zitternden Knien und dem Gefühl im ganzen Körper eigentlich nicht mehr richtig durchblutet zu sein ging es zur nächsten Aufgabe. Auf einem Drahtsein, ein Drahtseil ist dünner als man es sich vorstellt, über eine Schlucht zum nächsten Baum zu laufen. Auf dem Balken musste ich ja nicht nach unten sehen, da ein Balken immerhin noch breit genug ist, um auf ihm gehen zu können. Aber ein Drahtseil, da kann man nicht einfach darüber spazieren, als wäre das nichts. Ich musste also in die Tiefe blicken, um überhaupt einen Fuß darauf zu bekommen. Ich war zwar nass geschwitzt, zitterte von der Haarspitze bis zum großen Zeh, jedoch hab ich den ganzen Parcours mit pravour gemeistert, zumindest für meine Verhältnisse als Miss Angsthäschen. Und ich muss sagen, ich bin sehr stolz auf mich, dass ich diesen Schritt aus meiner Komfortzone gewagt habe.

Und das war diese Woche noch nicht alles. Ich habe das erst mal gebrannt. Besser gesagt nicht ich, sondern meine Feuerfächer und das obwohl Feuer auch nicht wirklich mein Ding ist, man könnte sich ja verbrennen. Ich habe mir die Woche davor nun so einen Feuerfächer gebastelt und zusammengeschraubt und geschliffen und verknotet, auf jeden Fall sieht das aus wie ein Fächer mit je fünf Fackelbändern an den Enden, die später angezündet werden. Der erste Testdurchlauf. Ich habe diese besagten Fächer angezündet und bin schreiend nach Hilfe über den Vorhof unseres Hauses gerannt, gestolpert oder wie auch immer, ich kann mich nicht mehr ganz daran erinnern, wahrscheinlich stand ich unter Schock. Um mich herum Flammen und Hitze und wenn ich mich drehte, dann drehte sich das Feuer mit und wenn ich stehen blieb wurden die Flammen noch größer und versuchten meine Hände zu berühren. Eigentlich hatte ich vor diese Dinger wieder fröhlich auseinander zu basteln und das Ganze doch lieber sein zu lassen. Aber da ich mich ja gerade mit meiner Angst beschäftige, musste ich das wohl so lang versuchen, bis es klappt. Aber erst morgen, dachte ich mir. Und siehe da, es funktioniert. Ich tanze nun mit meinen Flammen, bewege mich zur Musik und schwinge die brennenden Fächer, wie bunte Jongliertücher um mich herum. Und es ist ein klasse Gefühl. Und ich finde ich bin schon richtig mutig und habe vieles dazugelernt. Aber das soll noch längst nicht alles gewesen sein! Hiermit erkläre ich der Angst höchst persönlich den Krieg!


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