Montag, 29. Oktober 2007

Der Flug und das ersehnte Wiedersehen...

Heute Morgen war es also soweit, Abflug nach Singapur. Jetzt schwebe ich auf einem weißen Wolkenmeer und lasse die Sonne langsam zurück. Es sieht so unbeschreiblich schön aus. Die Wolken sehen aus wie Watte, ab und zu kann man ein Stückchen Land erkennen und der Himmel strahlt in so vielen Farben. Aber ich würde sagen, ich fange einfach mal ganz von vorne an.

Gestern Abend hatte ich ein sehr nettes Gespräch mit meinem WG-Kollegen. Er verabschiedete sich ganz lieb von mir und wir haben noch über Gott und die Welt geredet. Warum redet er plötzlich mit mir? Außer Fragen zu stellen, wo die Fernbedienung liegt oder ob man etwas für ihn tun kann. Ich hätte mich über solche Gespräche wie gestern Abend sehr gefreut und wären doch eher eine geistliche Bereicherung, zumindest im Bereich Sozialkompetenzen, als ständig nur vor der Glotze zu hängen. Naja, dann hab ich halt das Internet doch für ein eingeschaltet. Erst wollte ich ja einen Stecker am TV lockern, dann hab ich mir überlegt das Internet abzustellen, aber ich hab es dann doch gelassen, bin einfach eine zu gute Seele.

Nachdem ich gestern alles schon 185-mal kontrolliert hatte, on ich auch an alles gedacht und eingepackt habe, ging ich noch ein letztes Mal den Rucksack durch. 19 Kilo die große Tasche und mein Handgepäck wiegt auch gerade mal drei kg. Nicht schlecht sage ich da nur. Um kurz nach Mitternacht wollte ich dann ernsthaft schlafen, aber wie geahnt bekam ich kein Auge zu. Meine eigentlich müden Äuglein blickten stets auf die Uhr um sicherzugehen nicht zu verschlafen. Denn das würde ja bedeuten zu spät zum Flughafen zu kommen, den Flieger zu verpassen und meinen Schatz nicht zu sehen. Nein darauf habe ich schon viel zu lange gewartet, da bleibe ich doch lieber wach! Völlig übermüdet und mit einem Puls von vielleicht zehn machte ich mich also um kurz vor sechs startklar.

Meine Schwester hat mich dann zum Flughafen gebracht. Und ich muss gleich dazu sagen, ohne sie wäre ich aufgeschmissen gewesen. Nachdem wir unseren Schalter gefunden hatten, an dem die Koffer abgegeben werden, traf mich fast der Schlag: Menschen au masse! Eine Warteschlage um fünf Ecken, das kann nur stunden dauern, dachte ich mir. Und zudem fand ich die Schlösser für meinen Rucksack nicht. Pardon, Krümel heißt das Stauwunder in rot. Ich war mit den Nerven am Ende. Doch dem Schwesterchen sei dank und einer Zigarette haben sich beide Probleme in Luft aufgelöst. Die Vorhängeschlösser wurden aufgefunden und die Schlange minimierte sich flott, so dass ich auch schon bald an der Reihe war. Ich klatschte meine Pässe und sämtliche Tickets auf den Tresen des jungen Mannes und fragte, was er denn alles von mir brauchen würde. Er blätterte wild durch meine Unterlagen und schickte mich dann zum richtigen Gate. Schnell noch die Stützstrümpfe überstülpen, wegen Thrombosegefahr und dann zur Durchsuchung. Alles völlig unspektakulär. Rucksack in ne Kiste, durchs Tor das nicht piept, Rucksack abholen und dann in den richtigen Warteraum der Fluglinie sitzen und warten bis man gebeten wird einzusteigen.

Ich habe die Reihe 17 erwischt und musste als fast Letzte einsteigen, da die Maschine, begonnen bei den Firstclassmenschen und dann von der letzten Reihe an aufgefüllt wurde. Also begab ich mich auf die Suche nach meinem Plätzchen. Hab ihn gefunden und was sehe ich da? Es sitzt ein netter, junger Mann neben mir, der mir noch geholfen hat meine sieben Sachen zu verstauen. Denn ein Kissen, Decke, Sicherheitshinweise und so weiter lagen auf dem Sitz. Wir fingen uns gerade an zu unterhalten, da stand plötzlich ein großer, schlaksiger Freak neben uns und meinte einer von uns säße falsch. Arschkeks, man kann einem aber auch alles versauen. Also sitz ich jetzt anstelle eines jungen, hübschen, gutriechenden, schön gebräuntem Burschen neben einem stinkenden, rotzhochziehenden Ekelpaket, sodass ich ständig rechts aus dem Fenster sehen und an meinem Parfum schnüffeln muss, damit ich nicht gleich kotze. Und zu all dem Überfluss sitze ich direkt am Flügel unseres Riesenvogels. Was will ich machen, da muss ich durch. Aber als kleine Entschädigung habe ich wenigstens einen netten Steward. Ein Quatarer nehme ich an. Sehr freundlich, zuvorkommend und professionell. Ständig wird man gefragt, was man denn zu trinken möchte oder es wird einem ein heißes Erfrischungstuch in die Hände gedrückt. Zum Start gab es ein Bonbon für die Nerven und später dann das „Menü“. Ich hatte Spinat-Käse-Tortellini, ein Käsebrötchen, ein Stück Kuchen und was Süßes. Das hört sich jetzt echt viel an, in Wirklichkeit aber sind das eher Häppchen. Aber ich muss sagen es war lecker, wenn man bedenkt so hoch über der Erde zu essen.

Nun ist es draußen stockduster, mein Nebensitzer rötzelt vor sich hin, der Steward lässt sich auch nicht mehr blicken, also schlage ich mir nun vor einen Film in meinem eigenen Monitor zu sehen.

Nach der geglückten Landung, halleluja, bin ich nun am Zwischenstoport Doha angelangt. Ich stehe zwischen hunderten von Arabern in weißen Tüchern eingehüllt und versuche mich zu orientieren. Überall Gates und Duty-free-Shops. Aber als allererstes statte ich den Toiletten einen Besuch ab. Direkt daneben befand sich auch ein Smoking-Room, in dem jede Menge Araber saßen, sich unterhielten und genüsslich eine Zigarette nach der anderen rauchten. Man konnte fast nichts mehr sehen, vor lauter Nebel und Qualm. Trotzdem spürte ich die blicke, die ich auf mich zog. Am ganzen Flughafen wurde ich begafft, wie ein nie zuvor gesehenes Wesen. Eigentlich ist es ja ganz witzig, denn bei uns ist es ja genauso, eben nur umgekehrt. Ich habe mir noch etwas zu trinken geholt, noch mal die Toilette besucht und einen Zwischenstop im Nebenraum eingelegt. Den richtigen Checkin hatte ich gleich gefunden und wir Passagiere wurden mit Bussen zu unserem Flugzeug gebracht. Mein Nebensitzer jetzt: ein riesiger, muskelbepackter Russe ohne Mimik. Na das kann ja mal heiter werden, on ich den fragen kann mall aufzustehen, um mich auf die Toilette durch zu lassen? Aber er verhielt sich ganz friedlich. Hat sich ständig Wein bringen lassen den er dann wiederum mit einem Tässchen Tee und Zitrone hinunter schlürfte.

Die Leuchtschrift „bitte anschnallen!“ blinkte plötzlich energisch auf und die Mitarbeiter forderten jeden einzeln auf sich anzugurten. Hektik brach aus und ich wusste nicht was jetzt passiert, ich konnte ja auch niemanden fragen. Das Flugzeug begann immer wieder plötzlich zu sinken. Stürzen wir ab?, waren meine Gedanken. Ich lese mir zur Sicherheit noch mal die Hinweise durch, wie die Gasmasken und Schwimmwesten funktionieren. Ich muss leicht blass ausgesehen haben, denn der Steward brachte mir Saft und fragte ob alles in Ordnung sei. Dann endlich die Entwarnung, es waren „nur“ Turbulenzen. Wenn es weiter nichts ist…

Es ist 14.30 Ortszeit und wir sind mit einer dreiviertel Stunde Verspätung gelandet. Jetzt aber zackig an der Immigrationsbehörde vorbei und den Rucksack abholen. Oh Nein. Ich sehe ich! Ich kann meinen aufgestauten Tränenberg nicht zurückhalten und schluchze nur so vor mich hin. Er hat mir doch versprochen sich nicht an die Glasscheibe zu stellen, die uns jetzt noch trennt. Jetzt sehe ich leicht verschwommen mein Gepäck, schnappe es mir und stolpere mehr oder weniger mit dem Trolli durch den Ausgang um meinem Auswanderer in die Arme zu fallen. Heul, trän, schluchz. Ich war einfach nur happy ihn endlich wieder so nah bei mir zu haben. Auf diesen Moment hatte ich mich am meisten gefreut und nun war er da. Hach schön!

Wir fuhren mit der MRT, der selbständigen Straßenbahn in Singapur, die ohne Fahrer fährt, Richtung Clementi Road zu Carstens Apartment. Alles ist sehr verwinkelt und mit vielen Treppen und gleichen Häusern. Er wohnt hier echt schön, etwas außerhalb und sehr grün. Die Wohnung ist recht groß für asiatische Verhältnisse, nur das Mobiliar ist halt eben nicht mehr das neuste, aber es funktioniert und ist Dank Carsten frei von Ungeziefer und sauber.

Wir packten aus und richteten es uns für eine Nacht ein. Dann ging´s ab unter die Dusche, denn nach 24 Stunden um die Welt fliegen riecht man nicht gerade nach Ives Rocher.
Nachdem ich mich wieder einigermaßen wie ein Mensch fühlte, machten wir uns auf den Weg zu einem vegetarischen Coffeshop und Mr. Bereits-fast-schon-Einheimischer bestellte für mich gebratenen Reis mit Gemüse und Ananas. Mmh, das war lecker. Trotz eines Bärenhungers, da ich eine Mahlzeit im Flieger wohl verschlafen hatte, schaffte ich meine Portion nicht ganz. Hier bekam ich also den ersten Eindruck des Landes: Menschen sitzen am Straßenimbiss, quatschen, essen und trinken Bier.

Wir bummelten gemeinsam ganz gemütlich durch das Zentrum der Reisenmetropole und ich hatte mit der Zeitverschiebung, sowie mit dem so genannten Kulturschock zu kämpfen. Alles ist so anders hier. So ungewohnt und fremd. Und für Carsten ist dies zur zweiten Heimat geworden und alles so selbstverständlich. Wir haben uns ein Eis an der Ecke geholt und uns das Wahrzeichen der Stadt, den Löwen angesehen. Meine Füße taten weh, die Hitze machte mir zu schaffen und überhaupt hatte ich so lange darauf gewartet hier her zu kommen und nun soll es so weit sein? Es war einfach alles zu viel für mich. Ich brauchte ein Bier, das wir dann zum Ausklang des für mich sehr, sehr langen Tages an einem Straßencafe bestellten und ich anschießend müde und erschöpft, aber wahnsinnig glücklich ins Bett fiel.

 


Abflugbereit!

So, ich wäre soweit. Mein Gepäck ist im Rucksack verstaut, meine Habseligkeiten für meinen Handrucksack liegen parat und die Packliste ist soweit abgehakt. Ich kann starten. Am liebsten heute, wie morgen. Aber ich fliege erst Überüberübermorgen, also in vier Tagen um genau 15.00 Uhr MEZ ab Frankfurt. Das heißt ich werde hier um zehn vor elf mit der Bahn los müssen, damit ich noch etwas Zeit habe meinen Check In zu finden, mein Gepäck abzugeben und vielleicht noch was zu essen, wenn ich was runter kriege. Dann werde ich mir mal den Flughafen ansehen, denn da kommt man ja nicht alle Tage hin. Und wenn ich schon mal da bin.

Ich hoffe ich vergesse nichts. Ich kenn mich nämlich. Und meine Mom läuft auch immer noch wie eine Wilde durchs Haus, wenn ich abreise, um sicher zu gehen, dass ich auch nicht mal wieder was liegen lassen hab. Das wichtigste sind die Tickets, sonst kann ich gleich wieder heimfahren. Aber deshalb habe ich ja jetzt schon gepackt, auch wenn es etwas komisch klingt, aber dann kann ich immer wieder alles durchgehen und vielleicht fällt mir ja dann doch noch was Wichtiges ein. Was schon mal sehr gut ist, ich habe keine Verstauungsprobleme. Ich bekomme alles rein und hab noch Platz und noch Sachen von Carsten mit im Gepäck. Das heißt ich kann mir da unten sogar noch was kaufen und es passt rein. Das nenn ich mal Logistik! Alles schön in Tütchen verpackt, damit wenn’s regnen sollte alle meine Sachen trocken bleiben und wirklich alles Überlebenswichtige ist mit von der Partie. Angefangen von Zahnbürste, über Taschenlampe bis hin zum Nähgarn. Ich weiß zwar noch nicht für was ich das brauche, denn ich kann nicht nähen, aber man fühlt sich sicherer, wenn man es dabei hat. Meine Freundin hat mich schon gefragt, ob ich nicht noch Häkelzeugs mitnehmen möchte, um am Strand Topflappen anzufertigen. Haha. Ich verrate euch später, was ich alles von meinem Überlebensschnickschnack gebraucht habe und was wirklich nur dabei war, dass es auch mal was zu erzählen hat. An Kleidung nehme ich nur sage und schreibe fünf T-Shirts, vier Hosen und eine langärmlige Weste mit. Da zu entscheiden was man nun letztendlich mit nimmt und was nicht und ob das wirklich reicht ist echt schwierig. Denn ich kann mich oftmals einfach nicht entscheiden was ich nun tragen möchte und was gerade zu meiner Laune passt. Aber gut man wird sehen. Und waschen darf ich die Klamotten mit einem Tubenwaschmittel von Hand. Hab ich zwar noch nie gemacht, aber lauf Gebrauchsanweisung dürfte das sogar ich hinbekommen.

Ach ja die Warterei ist ätzend. Ich will jetzt meinen Schatz in die Arme nehmen und Asien erobern. Denn ich bin jetzt bestens gewappnet. Ich habe mich auf alle Eventualitäten vorbereitet. Sei es eine Hängebrücke über einem reißenden Fluss mitten im Dschungel, für mich kein Ding, hab ja das Klettern und die Höhe trainiert. Tiere jeglicher Art, na ja bis auf vielleicht Kakerlaken, machen mir doch nichts, denn ich habe den Kontakt zu den ganz Wilden gesucht und mir eine Schlange um den Hals schlängeln lassen. Eine Gelbliche Namens Rosi. Mir persönlich würde ja der Name Zitrana besser gefallen, weil es zu ihrer Farbe passt und ihr etwas Edles verleiht. Eine ganz Süße war das. Ich habe zwar keine Luft mehr bekommen, nicht dass sie mir die Kehle zugedrückt hat, es war eher etwas Innerliches, was mir die Luft zum Atmen nahm. Aber gut ich habe mich mal wieder an meinen Vorsatz der Angstbekämpfung gehalten und mich den Herausforderungen gestellt. Man wird der Carsten stolz auf mich sein. Was ich alles geschafft habe in diesem halben Jahr.

Das einzige was ich jetzt noch dringend und auch wirklich erledigen sollte, wäre meinen blöden Bericht fertig zu stellen. Immerhin bin ich jetzt schon auf Seite siebzehn und es ist ein Ende in sicht, aber für mich gerade unmöglich an ihm weiter zu schreiben. Ich habe mir aber vorgenommen noch zwei Tage fleißig daran zu arbeiten, um ihn endlich abschicken zu können, damit ich ruhigen Gewissens das Land verlassen kann. Aber ich hatte in den letzten Tagen auch kaum Zeit. Hab nämlich meine Katze und meinen Hamster ins Kurhotel „Mama“ gefahren und wollte einfach einen leichteren Übergang schaffen, in dem ich noch mit da war. Und ich muss sagen, es hat alles besser geklappt wie geplant. Also ist nun noch eine weitere Sorge aus dem Sinn, denn die zwei Lieben sind bestens untergebracht. Aber ich muss mir wohl noch was einfallen lassen, als Dankeschön für die Versorgung und den Stress mit den Rabauken.

Es tat richtig gut meinen Mitbewohner ein paar Tage nicht zu sehen und nicht zu hören. Jetzt sitzt er wieder im Nebenzimmer und hat die Glotze laufen, was sonst. Dazu ein Bier am Start und die Beine schön hochgelegt, wie ich es nicht anders gewöhnt bin. Es läuft Fußball, wie man durch die ganze Bude in voller Beschallung hören kann. Ich denke er hört schlecht, denn warum sonst sollte man die Lautstärke auf volle Kanne haben. Aber was der kann, kann ich schon längst. Ich werde jetzt die Musik einschalten und etwas den Klängen Jack Johnsons lauschen und von Strand, Meer und einer wunderschönen Zeit in Fernost träumen…

Zwei Wochen vor Tanja´s grosser Reise

Sonntag Abend, 14 Tage vor meinem Abflug. Komisch, dass ich immer an Sonntagen mit dem Schreiben beginne, aber ich denke es liegt daran, dass an diesen Tagen einfach nichts los ist. Man kann nicht shoppen gehen, weil jegliches Geschäft geschlossen hat, man kann sich nicht die Zeit mit fernsehen vertreiben, da sowieso nur irgendein Schwachsinn läuft, den man sich dann doch nicht geben möchte, um nicht ganz von den Programmen verblödet zu werden. Auch wenn ich es einmal wollte ginge es nicht, da mein Mitbewohner die Couch im Wohnzimmer anscheinend für sich allein gemietet hat. Und das von mittags zwei bis in die Puppen. Ich meine echt schon feststellen zu können, dass seine Augen eine leicht eckige Form annehmen. Aber was soll´s, es sind nicht meine Augen und es ist nicht mein Hirn. Naja, aber es ist mein Wohnzimmer mit meinem Sofa und meinem Fernsehgerät. Das wollte ich nur mal loswerden, denn es ist ja nicht nur an Sonntagen so, sondern das geht so von Montag bis Sonntag und dann wieder von vorn. Und eigentlich ist er ja hier um seine Diplomarbeit zu schreiben und nicht um irgendwelche wissenschaftlichen Fernsehstudien durchzuführen. Ich frag mich echt wann der mal was schafft. Aber wie gesagt, noch 14 Tage! Dann bin ich ihn los. Mein Praktikum ist dann zu Ende, mein Mitbewohner kann hier ganz entspannt vor sich hin vegetieren, solange er pünktlich wieder auszieht und das ganz Weite sucht, wie ich hoffe. Ja ich denke ich habe eine leichte Abneigung gegen den Menschen der hier unter meinem Dach haust. Aber gut, ich gehe also. Es trennen mich noch genau zwei Wochen und ein paar tausend Kilometer von meinem Schatz. Aber was da alles noch erledigt werden sollte und geschehen wird… ich glaube die Zeit wird knapp. Ich muss meinen 25-seitigen Bericht über mein nun halbjährig absolviertes Praktikum abgeben und ich weiß nicht wo ich da anfangen soll. Gerne würde ich über meine Erfahrungen berichten und was ich während dieser Zeit so alles erlebt habe, denn es war echt spannend. Aber die wichtigen Menschen der Fachhochschule, ich nenne an dieser Stelle keine Namen, können einem auch einen Strich durch die Rechnung machen und einen mit komischen Dingen konfrontieren, die unbedingt in dieses Skript sollen. Also habe ich mir vorgenommen morgen ganz intensiv damit anzufangen und mich mal wirklich darauf zu konzentrieren, was sich in meiner derzeitigen Verfassung als etwas schwierig erweist, da ich mit meinen Gedanken überall bin, nur nicht bei meinem Bericht.

Am Donnerstag muss ich das letzte mal zum Impfen, da man ja nie weiß was in fernen Landen alles an Infektionen herum kreuchen und fleuchen. Langsam habe ich mich an das Impfverfahren meines neuen Hausarztes gewöhnt. Ich bekomme auf acht einen Termin, darf mich dann bis kurz vor neun ins Wartezimmer begeben, in dem alle Patienten schön nacheinander aufgerufen werden, bis auf mich, die Kassenpatientin, die sich selbst informiert und den Arzt dann darauf hingewiesen hat, dass es auch günstiger geht. Ich werde dann also irgendwann, wenn es gerade mal passt, ich meine sie müssen mich ja mal dran nehmen, ins Impfzimmer gerufen und in zehn Sekunden ist dann der Spuk vorbei. Ich gehe mit einem kleinen Pflaster aus der Praxis und freue mich schon auf den nächsten Besuch.

Was ich auch auf jeden Fall machen muss, ist meine Katze und mein Hamster zu meinen Eltern zu bringen, damit sie in guten Händen sind, während ich mich auf großer Reise befinde. Da bin ich wirklich mal gespannt, ob das gut geht. Denn meine Eltern haben seit wenigen Wochen selbst einen kleinen, schwarzen Kater und ob die zwei Samtpfoten sich dann auch verstehen ist die große Frage, die auch niemand beantworten kann, bevor wir es nicht ausprobiert haben. Zwar habe ich meinem Kätzchen, das Wort Kätzchen ist vielleicht nicht der richtige Ausdruck für dieses schwarze riesen Stück Fell das sich in meiner Wohnung bewegt, aber gut, ich erzähle ihr schon seit Wochen, dass sie bald Urlaub auf dem Land machen darf und dass sie dort auf Paulchen stoßen wird. Aber dass ich die fünf Wochen nicht da sein werde weiß sie noch nicht, denn ich glaube sie hört mir mit Absicht nicht zu. Aber da muss sie durch. Bei meinem Hamster mache ich mir keine Sorgen, denn die ist sehr unkompliziert und pflegeleicht. Und solange sie nicht in Reichweite der Tiger steht, wird es ihr sehr gut gehen. Ach ich hoffe einfach, dass sie sich alle lieb haben und sich schön anständig benehmen, während meiner Abwesenheit. Und wenn nicht, bin ich zum Glück schon längst über alle Berge.

Ich meine wenn ich den Flug überlebe. So etwas darf nicht unterschätzt werden. Ein unerfahrenes Mädchen vom Land will ganz allein vom größten Flughafen der Republik aus ans andere Ende der Welt reisen. Bei diesem Gedanken bekomme ich leicht schwitzige Hände. Aber die Tickets sind gebucht, die Tiere so gut wie versorgt, die Arme verstochen und die Packliste geschrieben, jetzt gibt es kein zurück. Ich sehe mich schon in diesem riesigen Gebäude stehen, überall Menschen die irgendwo hin müssen und Schalter und Terminals (kenne ich vom gleichnamigen Film) und Gates und überteuerte Geschäfte und mittendrin ich. Suchend nach dem richtigen Schalter, um vielleicht meine zehn Tonnen Gepäck abzugeben und wartend auf irgendwelche Durchsagen, die man nicht verstehen kann, mir aber sagen sollen wo und wann ich in welches Flugzeug einzusteigen habe. Wenn das alles erstmal geschafft ist und ich im Flieger sitze kann ich mich bestimmt entspannen und mir tolle Filme ansehen. Ich hab mich nämlich informiert, ich werde einen eigenen Bildschirm besitzen. Ganz für mich und ohne dass ich ihn mit irgendwelchen Mitfliegern teilen muss. Apropos Mitflieger. Ich hoffe ich sitze nicht neben einem ekligen, alten, stinkenden, schnarchenden Mann, der sabbert wenn er schläft. Am liebsten wäre mir ja eine Person meines Alters oder höchstens zehn Jahre älter, das Geschlecht ist mir in diesem Fall egal, aber toll wäre es, wenn diese Person auch auf dem Weg nach Singapur und Malaysia wäre, diese Länder schon einmal besucht hat und mir noch ein paar Geheimtipps zustecken und mir von Land und Leute berichten könnte. Und noch ein Vorteil wäre dann, dass ich wüsste an wen ich mich während unserer Zwischenlandung hängen muss, damit ich nach dem dreistündigen Aufenthalt irgendwo bei Dubai, den richtigen Flug zum letztendlichen Ziel finde.

Und dann werde ich hoffentlich ohne Thrombose aussteigen, vielleicht meinen Koffer finden, wenn er mit mir mitgereist ist und mit weit ausgestreckten Armen meinem Liebsten um den Hals fallen und Rotz und Wasser heulen. Auf diesen Moment freue ich mich gerade am meisten. Einfach ankommen. Den Rest haben wir mehr oder weniger sorgfältig geplant. Besser gesagt er hat sich die Reiseroute überlegt und ich hab mich informiert, was wir da eigentlich genau machen werden. Es hört sich echt gut an und ich freue mich auf Land und Leute, aber was mir noch ein wenig Kopfschmerzen bereitet ist das Essen, die Übernachtungsmöglichkeiten und die Hitze. Täglich fast 40 Grad bei einer Luftfeuchtigkeit von fast 100 Prozent. Ich werde wahrscheinlich sehr konzentriert atmen müssen, um genügend Sauerstoff zu bekommen und werde sehr viel trinken müssen, damit ich nicht ganz faltig vertrockne, wenn ich doch ständig literweise Wasser durch sämtliche Poren meines Körpers verlieren werde. Das heißt Deo und Parfum sind Pflicht, wenn ich nicht als Stinktier enden möchte.

Die erste Zeit allein in Deutschland...



Sonntag Nachmittag, 37 Tage nach Abflug. Tausend Gedanken kreisen in meinem Kopf umher und versuchen sich zu ordnen, wenn das geht. 37 Nächte alleine einschlafen. Schon sechs Wochen sind ohne meine bessere Hälfte vergangen, denn die arbeitet für ein halbes Jahr in Singapur, also am aderen Ende der Welt. Und als erstes Resümee wäre zu sagen, dass alles seinen Weg nimmt und auch machbar ist, was ich mir die Wochen vor der Abreise nicht vorstellen konnte. Aber zu Zweit ist doch alles schöner. Man kann sich unterhalten, zusammen kochen, streiten, einschlafen, aneinanderkuscheln, sich ansehen, riechen, fühlen, ins Kino gehen, frühstücken, ausheulen, quatsch machen, sich die Meinung sagen, schwimmen, einkaufen, ein Bierchen trinken und sich einfach lieb haben. Aber leider vergisst man diese Dinge so schnell, wie schön sie doch zu zweit sein können. Es geht ins Alltägliche über und man macht sich keine Gedanken darüber. Sobald der Mensch jedoch nicht mehr täglich in der Nähe ist, merkt man schnell, wie einem doch alles fehlt. Und man weiß nicht ob man heulen soll, weil man doch so vieles falsch gemacht hat, oder sich freuen, dass man jetzt alles anders machen kann, wenn man wieder vereint ist? Ich habe in den letzten Wochen so vieles dazugelernt, meinen eigenen Schatten überwunden und bin über mich hinausgewachsen, ich meine das ist bei einer Größe von 1,64 auch nicht wirklich schwierig, aber ich meine dies natürlich bildlich gesprochen.

Ich könnte eigentlich die Frau des Angsthasen sein, so viele Ängste habe ich und ich weiß nicht woher. Kommt das einfach so, oder bin ich etwa traumatisiert und ich weiß nichts davon? Ich werde eher gefragt vor was ich denn nicht Angst hätte, als andersherum. Also habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, mich etwas mit meinen Schwierigkeiten zu beschäftigen. Die Höhe ist zum Beispiel eines meiner Problemzonen, apropos Problemzonen, dazu muss ich wohl oder übel später noch darauf zurückkommen. Aber nun, ich habe Höhenangst und ich denke ich bin damit nicht alleine. Wie kann man denn der Höhenangst den Kampf ansagen? Tja am besten doch, wenn man beruflich dazu genötigt wird einen Klettergarten mit Schülern zu besuchen und man den Parcours am Abend davor noch mal begehen darf. Da stand ich also, vor einem riesigen Gurten-Wirrwarr mit Seilen und Haken, so was nennt sich Karabiner, ich lerne schnell, und vor der Nase Seile in unnahbarer Höhe, ebenso wie Wackelbalken und sonstigen unsinnigen Ich-stürtz-mich-doch-lieber-gleich-in-den-Tod-Klettermöglichkeiten. Nun gut, nachdem ich fest in den Gurt geschnallt war, mir die Brust zusammengepresst wurde und es an den Schenkeln zu drücken begann, setzte ich noch den Helm auf und fertig war die Meisterin des Kletterns. Zumindest sah ich jetzt schon mal sehr professionell aus. Und zu meinem Glück waren an diesem Abend auch nur fertig ausgebildete Kletterer unterwegs und keine Gleichgesinnten meiner Gattung Mensch. Und bei den anderen sah das aber auch gut aus. Hilft alles nichts, da muss ich jetzt wohl durch. Meine erste Aufgabe war es auf einem dünnen Holzbalken, der an einem Ende mindestens 5 Meter in der Luft baumelte, zu gehen. Tief durchatmen, nicht nach unten sehen und los. In kleinen Tippelschritten schleppte ich mich schleichend voran und hielt mich mit beiden Händen an den Sicherungsseilen fest, dass ich das Gefühl hatte meine Finger würde kein Blut mehr erreichen. Aber ich erreichte das Ende des Balkens mit Müh und Not. Doch ich musste mich jetzt über diesem Abgrund auch noch umdrehen und wieder zurückgehen. Aber wer´s glaubt oder nicht: ich habe es geschafft. Mit zitternden Knien und dem Gefühl im ganzen Körper eigentlich nicht mehr richtig durchblutet zu sein ging es zur nächsten Aufgabe. Auf einem Drahtsein, ein Drahtseil ist dünner als man es sich vorstellt, über eine Schlucht zum nächsten Baum zu laufen. Auf dem Balken musste ich ja nicht nach unten sehen, da ein Balken immerhin noch breit genug ist, um auf ihm gehen zu können. Aber ein Drahtseil, da kann man nicht einfach darüber spazieren, als wäre das nichts. Ich musste also in die Tiefe blicken, um überhaupt einen Fuß darauf zu bekommen. Ich war zwar nass geschwitzt, zitterte von der Haarspitze bis zum großen Zeh, jedoch hab ich den ganzen Parcours mit pravour gemeistert, zumindest für meine Verhältnisse als Miss Angsthäschen. Und ich muss sagen, ich bin sehr stolz auf mich, dass ich diesen Schritt aus meiner Komfortzone gewagt habe.

Und das war diese Woche noch nicht alles. Ich habe das erst mal gebrannt. Besser gesagt nicht ich, sondern meine Feuerfächer und das obwohl Feuer auch nicht wirklich mein Ding ist, man könnte sich ja verbrennen. Ich habe mir die Woche davor nun so einen Feuerfächer gebastelt und zusammengeschraubt und geschliffen und verknotet, auf jeden Fall sieht das aus wie ein Fächer mit je fünf Fackelbändern an den Enden, die später angezündet werden. Der erste Testdurchlauf. Ich habe diese besagten Fächer angezündet und bin schreiend nach Hilfe über den Vorhof unseres Hauses gerannt, gestolpert oder wie auch immer, ich kann mich nicht mehr ganz daran erinnern, wahrscheinlich stand ich unter Schock. Um mich herum Flammen und Hitze und wenn ich mich drehte, dann drehte sich das Feuer mit und wenn ich stehen blieb wurden die Flammen noch größer und versuchten meine Hände zu berühren. Eigentlich hatte ich vor diese Dinger wieder fröhlich auseinander zu basteln und das Ganze doch lieber sein zu lassen. Aber da ich mich ja gerade mit meiner Angst beschäftige, musste ich das wohl so lang versuchen, bis es klappt. Aber erst morgen, dachte ich mir. Und siehe da, es funktioniert. Ich tanze nun mit meinen Flammen, bewege mich zur Musik und schwinge die brennenden Fächer, wie bunte Jongliertücher um mich herum. Und es ist ein klasse Gefühl. Und ich finde ich bin schon richtig mutig und habe vieles dazugelernt. Aber das soll noch längst nicht alles gewesen sein! Hiermit erkläre ich der Angst höchst persönlich den Krieg!